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Hängetrauma

Synonyme:
Orthostatischer Schock

Definition Hängetrauma

Das Hängetrauma entsteht als Folge von bewegungslosem Hängen in einem Anseilgurt oder Körperhaltevorrichtung.

Venöse Muskelpumpe und Venenklappen

Im Normalfall erfolgt der Rücktransport des Blutes aus den Beinen zum Herzen über die Beinvenen. Der Schwerkraft entgegen gesetzt wird dies sowohl physiologisch durch Aktivierung der venöse Muskelpumpe als auch durch den anatomischen Aufbau der Venen (Venenklappen) selbst unterstützt. Physiologisch sorgen die Muskelkontraktionen aktivierter Beinbewegungen wie eine "innere Massage". Diese Massage sorgt zum einen für einen Fluss des Blutes aus der Beinmuskulatur in Richtung Vene und andererseits dann für eine Verdrängung des Blutes innerhalb der Venen. Die Venenklappen stellen eine Art Rückschlagventil innerhalb der Venen dar und stellen die Flussrichtung des Blutes in die richtige Richtung also zum Herzen sicher.

Eintritt des Hängetraumas

In einer passiven Hängesituation bzw. bewegungslosem Hängen im Gurt ausgelöst durch z.B:

  • Untätigkeit während des Hängens
  • Kopfverletzungen
  • Rückenverletzungen
  • Elektrizität
  • Spontanerkrankungen (Schlaganfall, Herzinfarkt)

steht diese Unterstützung des venösen Blutrückstroms nicht mehr voll wirksam zur Verfügung bzw. fehlt gänzlich. Verstärkt wird das Problem durch möglicherweise verstärkt verengte Beinschlaufen (Reduzierung der Venenquerschnitte) nach Auffangvorgängen mit hohem Fangstoß und durch den Mangel an Gegendruck an den Füßen.

Verlauf eines Hängetraumas

Zunehmend versackt das Blut in den unteren Körperbereichen und dem Körperkern und Herzen steht nur noch eine eingeschränkte Blutmenge zur Verfügung.
Herz und Gehirn versuchen in Abstimmung diese Blutarmut im Körperkern durch verstärkte Herzaktivität auszugleichen, sind aber bei Fortbestehen der auslösenden Situation dazu nur kurzfristig in der Lage, weil zunehmend mehr Blut in den unteren Extremitäten verbleibt.

Als Folge können nach relativ kurzer Zeit Bewusstlosigkeit, Herz-Kreislauf-Stillstand und Tod eintreten. Die Zeitspanne bis zum Eintritt des Todes ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Bei entsprechenden Untersuchungen traten Zeiten zwischen 3,5 und 30min auf.

Einordnung in die Systematik

Sowohl die DGUV-R 112-198 als auch die TRBS 2121-3 fordern eine "sofortige Beendigung der Hängeposition" für den Verunfallten. Die Betriebsanweisung des Zugangsverfahrens unter Anwendung eines Persönliches Absturzschutzsystem nach DIN EN 363 muss also durch einen vorbereiteten und erprobten Rettungsplan (BG max. 15min) ergänzt werden.
Nicht nur zur Rettung abgestellte Höhenarbeiter, sondern auch die Anwender selbst benötigen ein technisches Spezialtraining z.B. nach DGUV-R 112-199 mit Verständnis für die physiologischen Vorgänge in der Hängeposition.
Wichtiger Bestandteil einer entsprechenden Unterweisung nach DGUV Grundsatz 312-001 sind die Möglichkeiten zur Selbsthilfe in Hängesituationen und das Wissen um die fachgerechte Lagerung nach Befreiung aus der Hängeposition.

Symptomatik des Hängetraumas

Symptome eines Hängetraumas sind ein unregelmäßiger schneller Herzschlag, Muskelkrämpfe, verschwommenes Sehen, Schwindel, Ohrensausen, Übelkeit, Schwitzen, Blässe der Haut, Gefühlsstörungen in den Beinen und Atemnot. Der Übergang von den ersten Symptomen zum Verlust des Bewusstseins und dem vollständigen Kreislaufzusammenbruch verläuft unter Umständen sehr schnell und lässt dann keine Zeit mehr für Reaktionen.

Möglichkeiten zur Selbsthilfe in Hängesituationen

  • Präventiv vor Arbeitsaufnahme:
    • Tagesform sicherstellen (Essen, Trinken, Schlaf)
    • Wahl eines geeigneten Kopfschutz "Helmpflicht"
    • Richtige Anpassung und Sitz des Gurts
  • während der Arbeit:
    • ergonomische Unterstützung durch Positionierungssysteme z.B. nach DIN EN 363 (3) oder (4) ggf. mit Nutzung von Trittschlingen und Arbeitssitzen
  • unmittelbar nach einem Auffangvorgang:
    • abwechselndes abstellen, horizontal stellen und bewegen der Beine,
    • Nutzung von Trittschlingen zur Entlastung der Beinschlaufen
    • provisorische Selbstversorgung blutende Verletzungen

Lagerung nach Rettung aus der Hängeposition

Personen, welche aus der Hängesituation eines Anseilgurtes oder Körperhaltevorrichtung befreit wurden bleiben gefährdet und müssen aufgrund der Charakteristik des Hängetraumas auch nach der Befreiung fachgerecht weiter versorgt werden.

  • Zunächst sollte der Gefahrenbereich jedoch verlassen werden um weitehin bestehende Gefahren z.B. an einer Absturzkante oder die Gefahr nachstürzender Bauteile aus dem Sturzraum auszuschließen.

  • Danach muss die Versorgung durch einen Ersthelfer erfolgen und für die nachrückenden Rettungskräfte ein sicherer Zugang zum Verunfallten organisiert werden.

  • Patientenbetreuung:

    • Person ist nicht ansprechbar ohne Atmung
      Herz-Lungen-Wiederbelebung (Priorität I: Herstellung von Vitalfunktionen)
    • Person ist nicht ansprechbar mit Atmung
      Stabile Seitenlage (Priorität II: Stabilisierung der Kreislauffunktionen)
    • Person ist ansprechbar mit blutenden Verletzungen (Tendenz der aktuellen Lehrmeinung)
      Stabile Seitenlage (Priorität II: Stabilisierung der Kreislauffunktionen)
    • Person ist ansprechbar ohne sichtbare Verletzungen
      Sitzend lagern (Priorität III: Harmonische Beruhigung des Blutkreislaufes)
      Anmerkung: Entgegen dieser langjährigen und allgemein anerkannten Lehrmeinung 'ansprechbare Hängetrauma-Patienten zunächst sitzend lagern, da andernfalls die Gefahr eines Bergungstodes besteht', propagieren aktuellere Stellungnahmen eine initiale Flachlagerung (siehe Raimund Lechner et al. Notärztliche Strategie beim Hängetrauma. Notarzt 2018; 34(03): 156-161). Auch Jutta Grabe, leitende Notärztin im Kreis Gütersloh, empfahl in ihrem Vortrag "Hängetrauma - Historie, Mythos und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse" auf dem 11. FISAT-Technikseminar am 5.10.2018 in der DGUV Akademie Dresden, dass Patienten nicht an ihrem Drang sich hinlegen zu wollen gehindert werden sollen. Sie sagt es gibt "keinen einzigen belegten Fall von Tod durch Volumenüberlastung des Herzens durch Flachlagerung". Das sei ein Mythos, der sich seit 1972 hält. Durch das Erzwingen einer Kauerstellung des Patienten würde vielmehr die Sauerstoffversorgung des Gehirns weiter verzögert.
  • Übergabe an den Notarzt

Beachte: Ein Anheben der Beine beim Verunfallten ("klassische Schocklage") ist grundsätzlich zu unterlassen

Links:

BGI/GUV-I 8699 Erste Hilfe Notfallsituation: Hängetrauma (BG-Bau)


Tipp: Übersicht: Relevante Gesetze, Vorschriften und Regeln

angelegt: 18.10.2014 23:05, letzte Änderung: 12.10.2018 16:35